Ich wartete am Bahnhof. Es war ein ekliger, regnerischer Novembernachmittag, am dem einem die Kälte durch die Beine und den Nacken kroch. Ein Tag, um zuhause einen heißen Tee zu trinken, aber sicher nicht, um draußen auf einen verspäteten Zug zu warten.
Dann, endlich! Der Zug fuhr ein.
Ein kleines Kind, etwa sieben Jahre alt, stieg aus und schaute sich suchend um. Dann lächelten, strahlten ihre Augen und sie schrie: "Mama! Mama!" Sie lief auf eine Menschenmasse zu und ihre Mutter kam hervor.
Die Kleine sprang in die Arme ihrer Mutter und erzählte ihr fröhlich etwas, während die Mutter ihr freudig zuschaute.
Mein Herz wurde schwer, kurz stiegen Tränen in meine Augen. Ich erinnerte mich nicht daran, dass meine Mutter mich je so liebevoll begrüßt hatte. Als ich ein kleines Kind war, hatte sie mich selten irgendwo abgeholt, und wenn, dann war es nie so liebevoll gewesen.
Das Verhältnis zu meiner Mutter war schon früh etwas distanziert gewesen. Das fehlte mir schon immer, ich vermisste die Wärme und Liebe, die andere Kinder von ihren Eltern bekamen. Ich schaute mit Neid auf meine Freunde, die lächelnd von ihrem Eltern abgeholt wurden und ihnen Geschichten erzählten. Die Zuhause mit ihren Eltern gemeinsam Mittagessen aßen und viel Aufmerksamkeit von den Eltern bekamen.
Während meine Mutter erst Abends heim kam und sich dann nicht sehr für meine Erlebnisse interessierte.
Ich meisterte schon früh meinen Alltag ohne sie, war nachmittags im Hort oder bei Freunden.
Einmal bekam ich ein Gespräch zwischen meiner Mutter und der Mutter einer Freundin mit.
Diese fragte, warum meine Mutter nur so wenig Zeit für mich hatte und ständig mit sich beschäftigt schien.
Darauf hin wurde meine Mutter leise und sie sagte traurig: "Ich hatte mir das doch auch alles ganz anders vorgestellt. Die Kleine war doch ein Unfall..."
Viel mehr verstand ich nicht.
Damals war mir gar nicht klar, was das bedeutete.
Wieso war ich ein Unfall?!
Irgendwann fragte ich meine Mutter einfach- und sie schaute mich erschrocken an.
"Wie kommst du darauf?"; fragte sie entsetzt.
Ich erklärte ihr es und sie nahm mich in den Arm.
"Meine Kleine, du bist doch kein Unfall! Da hast du etwas falsch verstanden. Ich liebe dich, mehr als alles andere auf dieser Welt!"
Von diesem Tag an nahm sie sich mehr Zeit für mich.
Ich war überrascht und völlig verwirrt, warum sie sich so plötzlich geändert hatte, aber auch sehr glücklich.
Nun hatte auch meine Mama für mich Zeit, wir unternahmen am Wochenende gemeinsam Ausflüge und ich war stolz, wenn ich von meiner Mama abgeholt wurde.
Unser Verhältnis ist seitdem so eng, wir sind wie beste Freunde und sie ist immer für mich da.
Zu zweit sind wir ein super Team und vertrauen uns sehr.
Manchmal denke ich an dieses Gespräch zwischen meiner Mutter und dieser anderen Mutter zurück und bin dankbar, dass es dieses Gspräch gab.
Auch wenn mir klar ist, dass ich damals nicht das Wunschkind von meiner Mutter war und das sie lange nicht gemerkt hat, wie sehr ein Kind ihre Mutter braucht.
Aber doch hat sie es ja noch gesehen und ist seit dem für mich da.
Und inzwischen ist sie auch sehr glücklich, mich damals behalten zu haben.
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